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Donnerstag 02 | 09 | 2010





Foto Bloc Party - "VERLIEBTSEIN LOHNT SICH"
music | Storys | Bloc Party

"VERLIEBTSEIN LOHNT SICH"

Mit den Songs der neuen Platte tanzen wir auf den Trümmern von Kele Okerekes Beziehung - und je größer das Leid des Bloc-Party-Sängers, desto stärker glauben wir an die Liebe.

Interview: Carsten Schrader
Foto: 2008 Universal Music


U_mag: Kele, für die Veröffentlichungsstrategie eures dritten Albums müsst ihr wochenlang geplant haben: Blitzveröffentlichung, Verkauf der Platte als Download im Internet, einige Wochen später kommt jetzt das Album als physischer Tonträger mit etlichen Bonustracks, zwischendrin gab's eine Single, die auf dem MP3-Album nicht zu hören war.
Kele Okereke: (lacht) Genau, wir haben einen Strategenstab engagiert, der mit uns die Kriegsführung festgelegt hat. Irgendwo in den USA wurde das Internet erfunden, da sitzt das Zentrum der Macht. Unser letztes Album ist bereits Wochen vor der Veröffentlichung im Internet aufgetaucht. Deswegen führen wir jetzt einen Unabhängigkeitskrieg, indem wir das System unterlaufen. Musik soll wieder mit einem Gemeinschaftsgefühl verbunden sein. Ich erinnere mich noch an die Zeit, in der man den Veröffentlichungsterminen bestimmter Alben entgegengefiebert hat. Als "Be here now" von Oasis erschien, ging ich noch zur Schule. Wir alle sind in der Mittagspause in einen Plattenladen gerannt, um uns das Album zu kaufen, und am nächsten Tag wurde heftig darüber diskutiert.

U_mag: Bislang hattet ihr den Ruf einer progressiven Band, und jetzt entpuppt ihr euch als heimliche Fortschrittsgegner.
Okereke: Wir sind keine nostalgischen Spinner, die sich die gute alte Zeit zurückwünschen. Die Wahrheit liegt irgendwo dazwischen. Es gibt verloren gegangene Dinge, die wir uns besser erhalten sollten. Gleichzeitig tun sich mit der Entwicklung auch neue Möglichkeiten auf. Wir hatten einfach keinen Bock, sechs Monate auf einem fertigen Album zu sitzen. "Intimacy" war eingespielt, und dank der neuen Wege konnten wir es schon wenige Tage später veröffentlichen.

U_mag: Damit wart ihr zwar nicht die Ersten, aber die Geschäftstüchtigsten. Während die Fans bei Radiohead den Preis selbst bestimmen konnten, habt ihr den Preis auf fünf Pfund pro Download festgelegt.
Okereke: Für mich sind Radiohead deswegen aber nicht die Robin Hoods der Musikszene. Zu dem Zeitpunkt, als "In Rainbows" im Internet erschien, waren sie bei keiner Plattenfirma unter Vertrag. Der größte Spaß an der ganzen Aktion war für sie doch, ihrer alten Plattenfirma an den Karren zu pinkeln.

U_mag: Euch wurde dagegen in England vorgeworfen, ihr hättet die Internetaktion nur gestartet, um von dem so schwierigen dritten Album etwas abzulenken und gleichzeitig Promotion zu bekommen.
Okereke: Wir haben inzwischen genug Selbstbewusstsein, um so etwas nicht nötig zu haben. Schon beim zweiten Album waren wir eigentlich ganz entspannt, aber weil damals wirklich jeder von einer Alles-oder-nichts-Situation gesprochen hat, sind wir letztlich doch etwas nervös geworden. Inzwischen haben wir genug Songs geschrieben, um uns selbst voll und ganz trauen zu können. Wir sind gegen die Angriffe von außen immun. Natürlich kann man behaupten, das neue Album bringe unser Debüt und die zweite Platte zusammen. Stimmt wahrscheinlich. Zumal wir jetzt ja auch mit den Produzenten der ersten zwei Platten gearbeitet haben, die beiden haben
jeweils fünf Songs übernommen. Trotzdem hat das mit Wiederholung nichts zu tun. Wir haben viel mit Elektronik experimentiert, haben die Ideen der ersten beiden Platten sehr viel weitergedacht und sind besser geworden.

U_mag: Statt von Stillstand zu sprechen, würde ich euch eher Innovationszwang unterstellen.
Okereke: Das funktioniert aber nur, wenn man als Vergleich durchschnittliche und langweilige Rockbands nimmt. Gerade in England haben wir zurzeit viele Bands, die gleich klingen, weil sie sich am Trend orientieren und das Korsett gewisser Dogmen nicht sprengen wollen. Ich habe von Anfang an gesagt, dass ich Leute wie Missy Elliott oder Dizzee Rascal spannender finde. Auch wenn wir wie eine konventionelle Rockband aufgestellt sind, hat Bloc Party vermutlich sehr viel mehr mit R'n'B, HipHop und elektronischer Musik zu tun. Das hat sich über die Jahre nicht verändert, wir setzen unsere ursprünglichen Ideen jetzt nur besser und konsequenter um.

U_mag: Textlich machst du mit der neuen Platte aber eine radikale Kehrtwendung. Während du zuletzt darüber geschrieben hast, wie es sich als junger Schwarzer in London anfühlt, und dabei gesellschaftliche Phänomene wie Rassismus und Sicherheitsparanoia thematisiert hast, ist die neue Platte sehr persönlich und verarbeitet das Scheitern einer langjährigen Beziehung. Ein Rückzug ins Private, weil du für die letzte Platte sehr viel Kritik einstecken musstest?
Okereke: Ich wäre froh gewesen, wenn ich wenigstens direkte Kritik bekommen hätte. In Großbritannien wird gern so getan, als gäbe es keine Probleme. Gewisse Themen dürfen nicht angesprochen werden, weil sie zu unbequem sind, und da sind wir mit "A Weekend in the City" natürlich bei vielen in Ungnade gefallen. Sie können das aber nicht konkret äußern, denn damit würden sie ja auch die verdrängten Phänomene thematisieren. Deswegen haben wir meiner Meinung nach oft anderweitig unsere Abreibung bekommen. Wenn ich auf der neuen Platte jetzt viel persönlichere Texte singe, dann bedeutet das aber nicht, dass ich kapituliere und die Auseinandersetzung scheue. Ich habe mir einfach selbst nicht in der Rolle des Wahrheitsverkünders gefallen. Deswegen habe ich auf der neuen Platte den Zeigefinger eingefahren und mir zum ersten Mal nicht überlegt, was ich mit meinen Texten aussagen will. Ich habe einfach geschrieben, was mir auf der Seele lag.

>> Weiterlesen in U_mag 11/08 auf Seite 22


Check-Brief

Name Bloc Party
Bandmitglieder Matt Tong (Schlagzeug), Gordon Moakes (Bass), Kele Okereke (Gesang, Gitarre), Russell Lissack (Gitarre), Kommen aus London Verworfene Bandnamen Union, Superheroes Of BMX, The Angel Range, Diet
Oasis-Beleidigung "Bloc Party sehen aus wie frisch aus dem Vorlesungssaal der Uni gecastet." (Liam Gallagher)
Auseinandersetzung Bei einem Festival in Spanien kam es zu Handgreiflichkeiten zwischen Okereke und Sex-Pistols-Veteran John Lydon, nachdem Lydon den Bloc-Party-Sänger mit rassistischen Bemerkungen beleidigt hatte.
Aktuelles Album "Intimacy"

Video

Bloc Party - Talons




03.11.2008






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